Die Neueschmidter Kerb

 

Anfang September wurde traditionell in Neuenschmidten die Kirchweih, sprich „Kerb“, gefeiert. Ein großes Ereignis auf das sich die Menschen schon lange vorher freuten. 

 

Tage vorher ging es los mit den Vorbereitungen. Der Kerbputz war das was ich gar nicht leiden konnte, aber beim Kuchen backen war ich schon wieder eifrig mit dabei. Mit dem Schubkarren wurden die großen Bleche mit Hefekuchen in's Backhaus gekarrt und dort mit vielen anderen Kuchen aus dem Dorf gebacken.

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©Privatbesitz

Wieder mal Kerb in Neuenschmidten. Anfang der 50er.

Man bekam auch ein Kerbkleid. Mein Gott, wie war ich stolz. Mit frisch gestärktem Petticoat, dem neuen Kleid und den Lackschuhen kam ich mir vor wie ein Prinzesschen. Die Kerb wurde abgehalten beim Erbes im Saal. Die jungen Kerbburschen trafen sich schon am Samstagmittag um die Kerb zu vergraben und den Kerbbaum mit bunten Bändern aus Krepppapier zu schmücken. Außerdem hatten sie noch Hacke und Schippe dabei um am Sonntag die „Kerb“ wieder ausgraben zu können. Die Stiele der Gerätschaften wurden auch kunstvoll mit Bändern aus rotem und weißem Krepp umwickelt.

Es war ein schöner Anblick den die flotten jungen Kerbburschen boten, wenn sie begleitet von der Kapelle, zum Zug ins Dorf antraten um die „Kerb“ auszugraben. Danach ging es, gefolgt von vielen Dorfbewohnern in den Saal. Der „Böttchers Adolf“ machte die Tanzfläche glatt, indem er das Pulver Tanzglatt darauf verteilte.  Dann wurden 4 Weinflaschen auf die Tanzfläche gestellt und die Musik spielte auf. Jeder  Kerbbursch holte sich sein Kerbmädchen und eröffnete den Tanz. Wenn beim Tanzen eine Flasche Wein umgestoßen wurde, hörte die Musik auf, die Flasche wurde geöffnet und ausgeschenkt und dann lies man die „Kerb“ hochleben. 

Zum Beispiel so:

 

Die Neueschmidter Kerb, die Neueschmidter Kerb ist da, was sei die Leut so froh, was sei die Leut so froh. Oder: Wem ist Kerb? (Und alle) Uns!!!!

 

Was sei die Kerbbursche? (Und alle) Lumpe!!! Was trinke se??? (Und alle) Humpe!!!!

 

Diese Rufe und andere erschallten immer wieder, während eifrig gefeiert und getanzt wurde. Am nächsten Tag zogen dann die Kerbburschen nochmals samt Musik durch das Dorf und sammelten Eier und kleine Geldgeschenke ein. Fast in jedem Hof wurde aufgespielt und nicht selten auch getanzt. Und am Nachmittag machte man dann im Saal weiter wo man am Sonntagabend aufgehört hatte.

Für uns Kinder ein Riesenspaß, der durch eine Fahrt mit dem Kettenkarussell oder mit der Schiffschaukel noch gesteigert wurde. Wenn wir dann heim mussten wurde uns der Abschied versüßt mit einem Schokokuß, einer Schaumwaffel oder gar mit einer Wundertüte. Diese Köstlichkeiten gab es an einem Zuckerstand und waren für uns gewiß nicht alltäglich. Schade, daß die Menschen versäumt haben in all dem Gehetze nach Reichtumg und Geld diese alten Bräuche zu bewahren. Schade, daß die Musik einer „Erika Combo“ nicht mehr erklingt und zum Tanz aufspielt. Was bleibt ist das Erinnern und das mache ich oft und gerne.

Text: Sigrid Heil