WOHNEN

Das Flüchtlingslager Wegscheide hat eine Vorgeschichte, die zurück bis ins Kaiserreich geht. Schon vor dem 1. Weltkrieg war das Areal ein preußischer Truppenübungsplatz und Militärlager gewesen. Später wurde es zum Lazarett. Nach Ende des 1. Weltkrieges wurde es für die Demobilisierung von Soldaten benutzt. Zwischen 1921 und 1939 war es ein Kindersommerheim der Stadt Frankfurt. Die Wehrmacht nutzte das Lager Wegscheide bis zum Ende des 2. Weltkrieges als Lager für Kriegsgefangene. Nach Ende des Krieges wurden dort von den Allierten deutsche Soldaten und als Nazis Verdächtigte interniert. Ab dem Winter 1945 bis 1955 wurde das Lager Wegscheide Sammlungspunkt für Vertriebene und Flüchtlinge. Für jeden, der in dieser Zeit im Lager ankam, wurde ein Ausweis mit den wichtigsten persönlichen Informationen angelegt. Diese Karten sind im MKK erhalten.

Dort wurden u.a. Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf, evtl.. Fähigkeiten, Datum der Ausweisung sowie der Ort der Ausweisung registriert.

 

Im diesem Fall wurde das Kind mit seiner Familie vom 7. März 1946 an verpflegt, ein paar Wochen später nach Somborn weiter geleitet und dort eingemeindet. Dank solch gründlicher Buchführung ist es leicht, Einzelheiten über die Eingebürgerten aus dieser Zeit zu finden.

Die Einquartierungen in unserem haus

 

Als nach dem Krieg die Flüchtlinge nach Schlierbach kamen, brauchten sie ein Dach über dem Kopf. Das wurde damals über „Einquartierungen“ geregelt. Man rückte zusammen und machte so Zimmer oder auch ganze Etagen frei, in denen die Flüchtlinge unterkommen konnten. So auch in unserem Haus (Ehrlich/Günzler). Zur Zeit meiner Geburt 1951 lebten meine Eltern, meine Großmutter und ich zusammen in einer Wohnung, für damalige Verhältnisse sehr komfortabel mit Bad und Toilette. Das Dachgeschoss teilten sich zwei Parteien, das Ehepaar Brauner in zwei Zimmern und der katholische Pfarrer Ludwig mit seiner Haushälterin, Fräulein Wiesner, in zwei weiteren Zimmern. Es gab auch eine Küche in der Mitte der beiden „Wohnungen“, ob die allerdings von beiden Parteien genutzt werden konnte, weiß ich nicht. Ein Badezimmer gab es nicht, aber zumindest eine Toilette, die mein Vater extra eingebaut hatte.

Das eine Foto zeigt Frau Brauner links, in der Mitte meine Oma, Frau Helene Günzler, mit mir als Baby auf dem Arm und Fräulein Wiesner, die Haushälterin des katholischen Pfarrers.

Auf dem anderen Foto ist links meine Oma zu sehen, in der Mitte meine Mutter, Luzie Ehrlich, geb. Günzler, und rechts der katholische Pfarrer Ludwig.

Text: Gabriele Seidel